Was wir den Kindern vorleben

Unlängst sprach ich wieder mit einer Freundin über die Schulwahl. Ihr Sohn geht in die Mittelschule, während meiner aufs Gymnasium wählt. Beide sind wir dabei mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Sie erzählte dabei vor allem vom Umfeld, was ihr einredete, sie würde ihrem Sohn hier eine Chance nehmen. Die Chance auf bessere Bildung, einen höheren Abschluss und damit viel mehr Möglichkeiten im späteren Leben.

Ich hingegen sehe bei ihr weniger Leistungsdruck, sehe, wie ihr Sohn sich entfaltet und entwickelt in Dingen, die in der Schule zu kurz kommen. Im Sport, in der Kreativität, im Selbständigwerden. Dinge, die untergehen, wenn den Kindern stetig nur Leistung eingeprügelt und abverlangt wird.

Letztendlich haben beide Kinder mit ihren zwölf Jahren noch alle Möglichkeiten. Was wir uns aber für beide wünschen ist, dass sie ihren Weg finden, ihr Ding machen und für sich entdecken, was SIE eigentlich wollen.

Wir Eltern reden ja oft davon, dass wir nur “das Beste” für unsere Kinder wollen. Vielleicht auch etwas, was wir nicht hatten, Möglichkeiten, die uns damals aus verschiedensten Gründen verwehrt waren. Wir wollen ihnen alle Möglichkeiten bieten und jede Tür offen halten. Dafür verlangen wir oft. Entsprechende Leistungen vor allem. Immer wieder höre ich von Kindern, die gestraft werden für schlechte Noten, wo es haarsträubende Konsequenzen gibt für Ergebnisse, die vor allem die Eltern enttäuschen. Die Sorge, das Kind könnte … ja was eigentlich? Sitzenbleiben? Von der Schule fliegen?

Dass das Bildungssystem einen großen schweren Haken hat, ist längst bekannt. Schlimm ist allerdings auch, dass so viele Eltern sich daran orientieren und ihren Kindern entsprechend Druck und Stress machen. Und ihnen diesen auch vorleben. Und wenn die Kinder dann in der Pubertät ihre eigene Meinung entwickeln und ihren eigenen Geist entfalten, wundern sich diese Eltern, dass die Kinder sich abwenden. Oftmals, weil sie es anders machen wollen. Verständlich, denn nicht selten leben wir ihnen doch ein 9-5 Leben vor, ein Hetzen von Termin zu Termin, das Leben für ein Wochenende, das dann unbedingt erfüllt sein muss. Immer wieder stelle ich mir die Frage: Welche Eltern kenne ich, die ihren Kindern volle Kanne Leben vorleben? Die ihr Ding machen, die zeigen: Worauf es wirklich ankommt ist, dass auch du erfüllt bist, nicht nur das Bankkonto oder dein Chef. Wir können wir von unseren Kindern erwarten, dass sie sich anstrengen und bemühen, wenn am Ende dieser Bemühungen die Hoffnung auf gut bezahlte Jobs inklusive Burn Out lauert? Will ich wirklich jeden Montag mit ihnen gemeinsam am Frühstückstisch stöhnen, weil eine neue Woche bevor steht? Oder will ich sagen: Entdecke, was dich glücklich macht, was du wirklich willst und gehe dem nach. Glaube an dich und lasse dir nie, niemals was anderes einreden. Erkenne, was deine Träume sind und lass dich niemals davon abbringen, sie wahrzumachen.

Ich weiß nicht, ob ich mit meinen Kindern alles richtig mache. Sicherlich nicht. Das wäre ja absurd. Aber ich will ihnen nicht einreden, dass gute Leistungen alles wäre im Leben. Und dass am Ende als Belohnung dafür “Arbeiten bis zum Umfallen” ansteht. Ich will ihnen keine Werte aufdrücken, die ich selbst nicht lebe.

Wenn wir wirklich wollen, dass unsere Kinder es besser haben als wir, dann sollten wir sie unterstützen darin zu finden, was ihr Weg ist. Ihre Fähigkeiten erkennen und sehen und sie bestärken, diese auszuleben. Und ihnen vermitteln, dass sie großartig sind, so wie sie sind. Denn das sind sie, nur zweifeln sie zu oft daran, weil ihnen – vor allem in der Schule, aber auch gern in der Erziehung – oft etwas anderes vermittelt wird. Und wenn wir noch wirklicher wollen, dass sie es besser haben als wir damals, dann leben wir ihnen doch etwas anderes vor. Leben wir ihnen vor wofür es sich lohnt jeden Morgen aus dem Bett zu hüpfen, in die Schule zu gehen und diese Zeit dort durchzudrücken. Leben wir ihnen vor, wie geil das Leben sein kann, wenn man sich immer wieder darauf besinnt, was einem wirklich wichtig ist und was man wirklich machen will.

Volle Kanne Leben. Nicht nur für dich. Auch für Deine Kinder, wenn du welche hast.

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